| Protestsongs.de präsentiert
eine Auswahl deutsch-deutscher Protestsongs der letzten 60 Jahre.
Auf CD 1 finden sich aktuelle Titel aus den Jahren 1989 bis
2004 - von Hip Hop, über Punkrock bis Pop und schöne
Kuriositäten. CD 2 ist eine History Bonus CD. Diese präsentiert
unverzichtbare Klassiker aus den Jahren vor der Wende - von
den Hausbesetzern Ton Steine Scherben, den Liedermachern über
die Neue Deutsche Welle bis zum heimlichen Protest in der DDR
wird hier mit einem ausführlichen 28 Seiten starken und
reich bebilderten Booklet in deutsch und englisch die Geschichte
des Protestsongs in Deutschland erzählt.
CD 1: Hier und Jetzt
Die Ärzte, Die Goldenen Zitronen, Tocotronic, Die Sterne,
Jan Delay, Brothers Keepers, Afrob, Xavier Naidoo, Advanced
Chemistry, Neoangin, King Rocko Schamoni, Peter Licht, Helge
Schneider, Lassie Singers, Funny van Dannen, Gundermann, Linkssentimentale
Transportarbeiterfreunde, Feeling B, Herbst in Peking, Sandow
+ Bonus Titel
CD 2: Bleibende Werte
Andreas Dorau, Söllner, Wolf Maahn, Bettina Wegner, BAP,
Gänsehaut, Nena, Geier Sturzflug, Nicole, Joseph Beuys,
Ina Deter, Slime, Konstantin Wecker, Udo Lindenberg, Otto,
Ton Steine Scherben, Hanns-Dieter Hüsch, Degenhardt,
Hazy Osterwald Sextet, Wolfgang Neuss, Ernst Busch, Lucie
Mannheim
Politik und Pop
Mehr Pop in die Politik und mehr Politik in den Pop!? Das
war auf jeden Fall nicht die Intention, um diese CD zu machen:
sondern einfach der Wunsch, Lieder zusammen zu tragen, um
die Spuren, Transformationen und den Nachhall von Politik
im Pop zu dokumentieren.
Nach vielen Anfangsschwierigkeiten galt es das, was man gefunden
und den Plattenfirmen abgerungen hatte, zu ordnen und zu bewerten.
Geht man also davon aus, dass ein Protestsong gegen politische
Verhältnisse welcher Art auch immer protestiert, beginnt
die Geschichte des Protestsongs im 20. Jahrhundert in Deutschland
eigentlich erst in den späten Sechziger- und den frühen
Siebzigerjahren. Die Suche nach Protestsongs vor dieser Zeit
kann nur auf wenig Erfolg stoßen. Doch eine interessante,
fast in Vergessenheit geratene wichtige Außnahme gab
es: Die Anti-Hitler Version von "Lili Marleen" (1944),
die von der englischen BBC in Auftrag gegeben wurde und mit
der nach England emigrierten deutschen Sängerin und Schauspielerin
Lucie Mannheim aufgenommen wurde. Doch nach Kriegsende findet
sich kaum bemerkenswertes. So findet sich ein Song von Ernst
Busch, "Susanna" (1952), der eigentlich mehr als
ein politisches Lied zu Propagandazwecken für die entstehende
DDR zu verstehen ist. Trotzdem demonstriert er mit seiner
Polemik gegen Rüstung und Krieg, eindrücklich: Während
im Westen aufgerüstet wurde und Forderungen nach Entnazifizierung
schnell von denen nach wirtschaftlichem Aufschwung verdrängt
wurden, wurden in der Sowjetischen Besatzungszone Betriebe
von "Kriegs- und Naziverbrechern" enteignet. Warum
sollte ein Protestsong gegen Rüstung und Krieg inhaltlich
wertloser sein, nur weil er im Sinne eines Staates geschrieben
wurde? Waren die Protestsongs im Westen nicht auch auf eine
Art abhängig - vom Verkauf der Platten beispielsweise,
also der gerade angesagten politischen Stimmung im Land?
Noch vor dem Boom des Protestsongs in den Siebzigerjahren
finden sich in den Fünfzigerjahren außerdem zwei
Lieder, die gegen die Bewältigung der Kriegsfolgen protestierten,
dagegen, dass diese nicht durch eine breite Auseinandersetzung
mit den Kriegsursachen begleitet worden waren - gegen eine
neue deutsche Gemütlichkeit und Selbstzufriedenheit.
Das "Lied vom Wirtschaftswunder" (1956) von Wolfgang
Neuss, das scharf die immer dicker werdenden "deutschen
Bäuche" angreift und die unbestraften Nazis, die
jetzt schon "ihre Memoiren schreiben", ist eher
der Tradition des politischen Kabaretts zuzuordnen als der
des klassischen Protestsongs. Und bei dem Lied "Konjunktur
Cha Cha" (1960) des Hazy Osterwald Sextets, das sehr
viel harmloser das Verschwinden der inneren Werte beklagt,
"die man gratis kriegt, wenn man Straßenkreuzer
fährt", handelt es sich wohl vielmehr um eine außergewöhnlich
politische Variante des ansonsten eher harmlosen Nachkriegsschlagers.
Es sind wohl nur die Liedermacher der Siebzigerjahre, die
klassische Protestsongs hervorbrachten - Lieder wie Franz
Josef Degenhardts "Irgendwas mach ich mal" (1968)
oder Hanns-Dieter Hüschs "Marsch der Minderheit"
(1970), aber natürlich auch Epigonen wie Konstantin Wecker
mit seinem "Genug ist nicht genug (Es herrscht wieder)
Frieden im Land" (1977), der Protestsongs leicht und
salonfähig gemacht hat oder Söllner, der mit seinem
"Hey Staat" (1989), dem klassischen Protestsong
eigentlich nur einen scharfen, bayrischen Ton hinzufügt.
Diese typischen Liedermacher mit ihren mustergültigen
Protestsongs, zu denen auch auf dieser CD nicht vertretene
wie Dieter Süverkrüp, Hannes Wader und zahlreiche
andere gehören, beriefen und berufen sich vor allem auf
den frühen Hillybilly-Folk in den USA, erzählend-balladenhafte
und von der akustischen Gitarre begleitete Sololieder. Sie
orientierten sich am singenden Wander- und Saisonarbeiter
Woody Guthrie und an Pete Seeger in den Dreißiger- und
Vierzigerjahren, an Bob Dylan, Joan Baez , Joni Mitchell in
den Fünfziger-, Sechziger- und Siebzigerjahren, aber
auch auf engangierte französische Chansons wie die von
Juliette Greco oder von Georges Brassens, an Liedern der Arbeiterbewegung
von Hanns Eisler, Erich Weinert, Ernst Toller, Bertolt Brecht
und Kurt Weill, Kampfliedern der Kommunistischen Partei, Liedern
der russischen Revolution, an Texten überlieferter Gassenhauer
und Trinklieder und vereinzelt sogar an Lyrik der mittelalterlichen
Troubadours oder Minnesänger.
Franz Joseph Degenhardts und Hanns-Dieter Hüschs Songs
sind die reinsten Protestsongs, mit denen man diese CD hätte
eröffenen können, wäre man an dieses Thema
dogmatischer herangegangen. Sie rufen zu Solidarität
unter den Arbeitern auf, zu einer gemeinsam zu erkämpfenden
besseren Welt. Ihre Songs können als Ausdruck der neu
geborenen Protestbewegungen in der Bundesrepublik gelten.
Ausgelöst durch den Vietnamkrieg und die Notstandsgesetzgebung
signalisierten Mitte der Sechzigerjahre die ersten Studentenproteste
den Beginn einer gesellschaftlichen Krise (erste Demonstrationen
im Umfeld des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds, Sit-Ins,
Forderung nach studentischer Mitbestimmung an den Hochschulen,
Entstehung der Außerparlamentarischen Opposition (APO),
Gründung der Kommune 1 als Beispiel für alternative
Lebensentwürfe), Alles, was nach den Liedermachern kam,
die sich offen mit der Studentenbewegung solidarisierten,
könnte man als verwässerte Protestsongs betrachten,
die zu sehr mit dem Populären kokettieren.
Ab 1970 zerfällt die Studentenbewegung, auch, weil die
sozialliberale Koalition mit vielen gesellschaftlichen Reformen
dem Protest den Wind aus den Segeln nimmt. Mit dem Niedergang
der Revolte entscheiden sich viele für alternative Lebensformen
- die Sponti- und Hausbesetzerszene findet viele unbekannt
gebliebene Protagonisten wie Dave Corner, der auf dieser CD
mit seinem Song "Hausdurchsuchung" leider nicht
vertreten ist, aber auch ein in ihrer Allgemeingültigkeit
bis heute als Vorbild für die deutschsprachige Popmusik
geltendes Sprachrohr - die Band Ton Steine Scherben, die mit
ihrem wichtigsten Song "Keine Macht für Niemand"
vertreten sind.
Die inhaltlichen Forderungen der antiautoritären Bewegung
leben in sehr ausdifferenzierter Form in den Bürgerinitiativen
fort, in der Umwelt- und Frauenbewegung, und schließlich
in der entstehenden Partei der Grünen. Auch die Protestsongs
verlieren an Allgemeinheit und Radikalität und kaprizieren
sich auf einzelne Missstände. Die drei großen Themen
in den Protestsongs der Siebziger- und Achtzigerjahren: da
sind erstens die Auflehnung gegen die Aufrüstung und
den Kalten Krieg zwischen Ost und West, Udo Lindenbergs "Wir
wollen doch einfach nur zusammen sein" (1973) über
die unmögliche Liebesbeziehung zweier junger Menschen
aus Ost und West, Nicoles vorsichtiger Schlager "Ein
bißchen Frieden" (1982), mit dem sie immerhin den
Grand Prix Eurovision gewann, Nenas weltweit erfolgreicher
Hit "99 Luftballons" (1982), "Besuchen sie
Europa" (1983) von Geier Sturzflug, BAPs Song, "Deshalv
Spiel mer he" (1984), ein Lied, das ihnen kurz vor Antritt
ihrer Tournee durch die DDR ein Auftrittsverbot bescherte.
Zweitens wären da die Protestsongs gegen Umweltverschmutzung
und Atomkraft: Joseph Beuys' "Sonne statt Reagan"
(1982), das er übrigens mit einigen Politikern der Grünen
im deutschen Fernsehen aufgeführt hat, Wolf Maahns "Tschernobyl",
das er direkt nach dem Reaktorunglück im ukrainischen
Tschernobyl im Jahr 1986 schrieb und mit der "Speerspitze"
der damaligen deutschen Rockszene (Alphaville, Herbert Grönemeyer,
Anne Haigis, Klaus Lage und anderen) einspielte. Drittens
wäre da der Protestsong gegen die Benachteiligung der
Frau, ein Thema, dessen sich allerdings nur wenige Frauen
annahmen, wahrscheinlich deshalb, weil es damals wie heute
beschämend wenige Musikerinnen gab und gibt. Für
diese CD fanden sich nur zwei Musikerinnen: Nina Hagen und
Ina Deter: Aufgrund der damals großen polarisierenden
Wirkung ihres Songs "Neuen Männer braucht das Land"
(1983) viel die Wahl auf Ina Deter.
Aus den Protestsongs, die sich mit Frieden, Umwelt und Gleichberechtigung
befassen, stechen eindeutig das Lied "Duptscheck"
(1973) des Komikers Otto Waalkes und das Lied "Bullenschweine"
(1983) der Punkgruppe Slime und Andereas Doraus Song "Demokratie"
(1989) heraus. Während sich Otto als einer der ersten
mit seiner blödelnden Art über die politische Ernsthaftigkeit
der engagierten Linken lustig macht und einfach die Namen
ihrer revolutionären Helden zu einem völlig sinnentleerten
Kanon montiert, greifen Slime zum ersten Mal seit den Songs
der Liedermacher nicht nur auf Einzelforderungen zurück,
sondern wieder auf eine radikalere Verweigerungshaltung: ganz
im Sinne von Punk wenden sie sich nicht gegen einen Teilbereich
gesellschaftlicher Missstände, sondern gegen Gesellschaft
allgemein und schimpfen generell auf alles, was ihnen auf
die Schnelle einzufallen scheint: Gegen Faschismus, soziale
Ungerechtigkeit, Umweltzerstörung, Militär, Polizei,
Identitätsverlust, Entfremdung und Automatisierung. Andreas
Dorau, einer der ersten Protagonisten, der auf Punk reagierenden
Neuen Deutschen Welle, protestiert nur noch gegen den heiligen
Ernst seiner großen Brüder. Als wolle er die Langeweile
der Achtzigerjahre und der Kohl-Ära auf den Punkt bringen,
beschreibt er Demokratie ironisch als etwas, unter dem man
sich wenig vorstellen kann und das den Einzelnen lähmt
und hilflos macht.
Was sich als großes Problem bei der Auswahl der Songs
für diese CD herausstellte, war der Anspruch, auch Protestsongs
aus der DDR aufzunehmen. Anders als in der Bundesrepublik,
wurden in der DDR die Protestsbewegungen kaum von Musikern
begleitet. Die einzigen Protestsongs, die es vor den Achtzigern
gab, waren politische Lieder wie das erwähnte von Ernst
Busch und DDR Rock nach angloamerikanischen Vorbild. Diese
sogenannte Beatmusik, wie sie seit den Fünfzigerjahren
in der DDR populär war, war nur insofern rebellisch,
als dass die DDR eine Zeitlang versuchte, diese "Monotonie
des Yeah, Yeah, Yeah", diesen "Dreck der aus dem
Westen kommt" (Walter Ulbricht im Jahre 1965) zu verbieten.
Als der Versuch, diese Beatmusik zu unterbinden, scheiterte,
wurde sie durch die "Freizeitkulturförderung"
der FDJ, der Freien Deutschen Jugend, vereinnahmt. Auf dieser
CD ist deshalb kein Beatstück der subversiven Phase vertreten,
weil sich keines mit einem deutschsprachigen Text finden ließ.
Der 17. Juni 1953, der offene Aufstand Hunderttausender gegen
das SED-Regime, die Aufstände in Polen und Ungarn 1956,
die Solidarisierung vieler Künstler mit der Demokratiebewegung
in der Tschechoslowakei 1968: All diese Ereignisse finden
keinen Niederschlag in der Musik der DDR. Erst nach der Ausbürgerung
des Liedermachers Wolf Biermann im Jahr 1967 und der darauf
reagierenden Protestpetition, die von 13 namhaften Künstlern
unterzeichnet wurde, erhielt Widerspruch Einzug in der Musik
der DDR. Neben Wolf Biermann und Stefan Krawczyk, die auf
dieser CD aus organisatorischen Gründen nicht vertreten
sind, war es vor allem Bettina Wegner, die Inhalte der erstarkenden
Bürgerbewegung in der DDR in den Achtzigerjahren in ihren
Liedern aufnahm: die der kirchlichen Friedensbewegung, die
z. B. den Zivildienst forderte, Abrüstung, Änderungen
der Energie-, Umwelt-, und Bildungspolitik. Mit dem für
diese CD ausgesuchten Lied "Von Deutschland nach Deutschland"
(1986) spiegelt Bettina Wegner: die DDR reagierte bis in die
Achtzigerjahre hinein auf jegliche Proteste hart und versuchte
die intellektuellen oppositionellen Kreise systematisch durch
Verhaftungen und Ausweisungen auszubluten. Auch Bettina Wegner
verließ die DDR und besingt in ihrem Lied ihre eigene
Wurzellosigkeit.
In den Neunzigerjahren gibt es im Westen des Landes drei
Sorten von Protestsongs: Die erste protestiert gegen den Habitus
des Protestsongs selbst, gegen linke Jargons, Political Correctness,
Ernsthaftigkeit, Schwarz-Weiß-Malerei - eine Polemik,
wie sie Otto Waalkes bereits 1973 angerissen hat. Dazu gehören
"CDU" (1990) von King Rocko Schamoni, "Die
Herrn Politiker" (1991) von Helge Schneider, "Rebell"
(1998) von den Ärzten, "Ihr lieben 68er" (2001)
von Peter Licht und "Kapitalismus" (2002) von Funny
van Dannen. Politische Gegner oder gesellschaftliche Missstände
scheint es für diese Songs schon deshalb nicht zu geben,
weil man gar nicht wüsste, wie man diese kritisieren
könnte, ohne sich dabei lächerlich zu machen. Die
zweite Sorte Protestsongs, die auf dieser CD vertreten sind,
umgeht die Schwierigkeit, indem sie nicht mehr gegen politische
Gegner oder politische Missstände angeht, sondern gegen
deren ganz spezifischen Auswirkungen auf das eigene Leben.
Zu diesen Protestsongs gehören "Wo bleibt der Mensch"
(1996) von den Lassie Singers, "Risikobiographie"
(1996) von den Sternen und "Das Unglück muß
zurückgeschlagen werden" (1999) von Tocotronic.
Und dann gibt es noch eine dritte Sorte, die politisches Engagement
nie aufgegeben hat oder Repolitisierung entdeckt hat. Alle
diese Lieder von "Das bißchen Totschlag" (1994)
von den Goldenen Zitronen über "Fremd im eigenen
Land" (1992) von Advanced Chemistry, bis hin zu "Alles
Lüge" (2001) von Afrob, "Mägde und Knechte"
(2002) von Xavier Naidoo und "Adriano" (2001) von
den Brothers Keepers haben ein gemeinsames großes Thema:
die immer größer werdende Fremdenfeindlichkeit
im Land.
Die einzige Ausnahme, der einzige Musiker, der mit einem
Song auf dieser CD vertreten ist, der weder ein Protestsong
gegen Protestsongs ist, noch ein Protestsong gegen persönliche
Verstrickungen und auch keiner gegen Fremdenfeindlichkeit,
das ist Jan Delays "Söhne Stammheims"(2001).
Dieses Lied bezieht sich zum ersten mal nicht polemisch auf
die antiautoritäre Bewegung, sondern wirft einen neuen
Blick auf das Verschwinden des Terrorismus und der neuen Selbstzufriedenheit
heute. Mit dieser Haltung hat Jan Delay eine Welle der Repolitisierung
losgetreten, dem in den letzten Jahren viele Bands wie Wir
sind Helden und Tomte folgten. Diese Bands konnten aus lizenzrechtlichen
Gründen auf dieser CD keine Berücksichtigung finden.
In den neuen Bundesländern gibt es in den Neunzigerjahren
nicht viel zu vermelden. Auf dieser CD wurden vier Protestsongs
ausgesucht: "Willkommen Deutschland" (1994) von
den Linkssentimentalen Transportarbeiterfreunden, "Born
in the GDR" (1989) von Sandow und "Bakschischrepublik"
(1989/1990) von Herbst in Peking sind vielleicht insofern
mit den westdeutschen Protestsongs gegen den Protestsong vergleichbar,
indem sie gegen das Gejammer vieler Ostdeutschen polemisieren,
die meinen, sie seien immer zu kurz gekommen. Das Lied "Ich
mache meinen Frieden" (1993) von Gerhard Gundermann dagegen
beschreibt wohl paradigmatisch die Schwierigkeiten vieler
Ostdeutscher, gegen etwas anzurennen, das eine nicht umkehrbare
historische Entwicklung zu sein scheint: gegen den Untergang
der DDR.
Von der Idee zur Wirklichkeit...
... gibt es sehr viele Wege, noch mehr Umwege und eine Menge
Sackgassen voller Zweifel und Probleme. Am Anfang war die
Euphorie und ruck zuck waren über 200 Songs gefunden
- alle "unverzichtbar", versteht sich. Doch schon
beim Sammeln der Songs kamen erste Zweifel auf. Was ist ein
Protestsong genau? Gibt's da eine Definition? Bislang wurde
der Protestsong so gut wie gar nicht in der wissenschaftlichen
Literatur behandelt. Am wenigsten - wie sollte es anders sein
- in Deutschland. Alles halbgares Irgendwas und nur vereinzelt
mal eine Idee von einer greifbaren These - insgesamt gefährliches
Halbwissen.
So tauchten eine Menge Fragen auf, die man sich bei der Zusammenstellung
einer CD mit Protestsongs selbst stellen und beantworten muss:
Ist das eigentlich möglich - eine CD ohne englischsprachige
Protestsongs, die in so vielen Fällen Vorbilder für
die deutschsprachigen sind? Warum keine reinen Instrumentalstücke,
fragt man sich, während man immer mehr Lieder mit Songtexten
aussucht. Sind nicht viele elektronischen Stücke subversiver
als traditionelle, eingängige Protestsongs zum Mitsingen
und Mitklatschen, allein schon indem sie Hörgewohnheiten
aufbrechen oder durch den Zusammenhang, in dem sie auftauchen,
auf der Tanzfläche, im Club, wo es um alles andere als
ums Funktionieren im Alltag geht?
Und außerdem: Hat Popmusik nicht allein schon durch
den jugendkulturellen, den rebellischen Zusammenhang, in dem
sie steht, widerständiges Potenzial? Oder anders herum:
Lässt sich Popkultur jederzeit von der Industrie oder
zu "falschen" politischen Zwecken vereinnahmen?
Ist sie von vorneherein darauf angelegt, vereinnahmt zu werden,
ihre Aufrichtigkeit also auch von Protestsongs nichts als
reine Show? Braucht sie gerade deshalb "explicit lyrics"?
Was ist es eigentlich, wogegen Protestsongs ansingen müssen,
damit man sie als Protestsong bezeichnen darf? Die kapitalistischen
Verhältnisse? Die Umweltverschmutzung? Der Rassismus?
Oder kann ein Protestsong auch gegen die eigene, subjektive
Lethargie protestieren, gegen den Partner, der nicht so ist,
wie man ihn sich wünscht? Ist ein Protestsong, der gegen
die Tradition des Protestsongs protestiert, gegen linken Jargon,
übereifriges Engagement und politische Korrektheit, auch
noch ein Protestsong?
Eine beschäftigungsintensive Frage war auch, inwieweit
ein Protestsong ein Protestsong ist, der vorher durch die
Zensur in der DDR gegangen ist. Fachleute wurden zu Rate gezogen
- ohne Ergebnis. Alle Titel, die nur im Underground zur Aufnahme
gelangten, waren oft von einer so gewöhnungsbedürftigen
Qualität, dass von einer Verwendung (auch bei bestem
Willen) abgesehen werden musste. Erschwerend kam hinzu, dass
die Rechteinhaber oft nicht ausfindig gemacht werden konnten.
Doch waren das nur Probleme, die weitere mit sich brachten.
Protest ist ja nicht obligatorisch immer links, die Rechten
aber trotzdem nicht rechtens. Ist somit eine halbwegs seriöse
"Dokumentation auf CD" überhaupt möglich?
Anders gefragt: Würden die Ärzte gemeinsam mit den
Böhsen Onkelz auf einer CD sein wollen? Oder Brothers
Keepers mit Störkraft? Will man solche "unrechten"
Songs überhaupt verbreiten? Möchte man das Geld
eines Neonazis angenommen haben?
Überhaupt Geld! Müssen Einnahmen aus Projekten
wie dieser CD nicht sowieso obligatorisch irgendeiner gemeinnützigen
Institution gespendet werden, damit man später nicht
als kapitalistischer Gewinnler dasteht? Darf man sich sponsern
lassen und wenn ja, von wem? Am Ende bekommt man noch vorgeworfen,
man hätte diese CD dazu instrumentalisiert, um irgendeiner
Partei Vorschub zu leisten. Alles gruselige Gedanken, die
gedacht wurden und die oft das ganz einfache Bedürfnis
aus dem Blick geraten ließen, eine Dokumentation von
Politik im Pop herzustellen.
Neben all diesen Zweifeln und Ängsten gab es auch noch
die ökonomische Frage, in welchem Umfang man so ein Projekt
veröffentlichen kann, nicht zuletzt wiederum: um grobe
Lücken auszuschließen. Die Auswahl der Titel schrie
nach einer CD-Box mit zehn CDs. Aber das wäre nicht zu
finanzieren gewesen, allenfalls vielleicht mit Hilfe einer
Major Company, aber die haben ja ganz andere Interessen und
Probleme. Dann die Idee einer Vorwende-Doppel-CD mit Osten,
einer Vorwende-Doppel-CD mit Westen und einer Nachwende Doppel-CD.
Doch wer hätte so etwas gekauft? Wie viele Ostdeutsche
hätten sich für westdeutsche Vorwendesongs interessiert?
Oder anders herum? Am Ende hätten nur junge Leute die
Nachwende Doppel-CD gekauft und die beiden anderen Doppel-CDs
hätten in den Plattenläden Staub angesetzt. Dann
lieber doch eine einfache Doppel-CD, wie sie hier und jetzt
vorliegt, eine Nachwende-CD und eine mit Klassikern und Kuriosem
aus der Vorwendezeit. Lieber konsequent scheitern, als sich
am Ende auch bei einer CD-Box mit 10 CDs sagen zu lassen:
Dieser und jener Titel fehlt noch immer.
Nach rund einem Jahr Recherchen, Überlegungen und schweren
Entscheidungen (bedingt durch das Problem auch mal Geld für
die Miete, Kaffee und Kuchen zu verdienen) kamen Probleme
ganz neuer Art: Einige der Songs, die es nun in die engste
Auswahl geschafft hatten, konnten nicht lizensiert werden.
Bei einigen sperrten sich speziell die Firmen EMI und WEA.
Die Begründungen, die oft erst nach Monaten kamen, waren
oft ominös. Ein paar Beispiele: "Die zu erwartende
Auflage enthält keinen relevanten Gewinn für uns."
Oder: "Die Band will nicht".
An der ersten Begründung mag ja noch etwas dran sein
- Verkaufszahlen, wie sie Compilations à la "Deutschland
sucht den Superstar" oder "Kuschelrock" erzielen,
waren für die "Protestsongs" auch bei euphorischsten
Schätzungen nicht zu erwarten. Die zweite Begründung
war schlichtweg verlogen. Die Gruppe BAP und Samy Deluxe wussten
beispielsweise gar nichts von einer Anfrage und erst, als
sich das Management von BAP einschaltete, konnte die Firma
(in diesem Fall EMI) umgestimmt werden. Allerdings folgte
folgender Hinweis: "Kontaktieren Sie niemals mehr unsere
Künstler direkt. Die müssen nicht von allem etwas
wissen. Eine zukünftige Zusammenarbeit mit Ihnen ist
unwahrscheinlich." Das Management von Samy Deluxe konnte
sich dagegen, wie es scheint, leider nicht durchsetzen.
Bei Blumfeld verhielt sich die Sache anders herum. Auf die
Lizenzanfrage reagierte der Chef ihrer Plattenfirma von What's
So Funny About, Alfred Hilsberg, wie folgt: "Brauchen
wir gar nicht erst fragen. Die wollen das eh nicht."
Ob er Recht hat, ließ sich nicht ermitteln. Und noch
mehr verwunderliche Reaktionen gab es. Wolf Biermann, ein
Künstler, der für diese CD nun wirklich unverzichtbar
erschien, war laut Auskunft der Plattenfirma nur über
eine geheimnisvolle Faxnummer zu erreichen. Irgendwann kam
das Originalfax mit der Lizenzanfrage zurück. Handschriftlich
eingefügt war lediglich die Frage, wie viel man an dieser
CD verdienen könne. Auf die Antwort, dass es die "handelsüblichen
Prozentsätze" gäbe, kam keine Antwort mehr,
auch mehrere Nachfragen via Fax blieben bis heute unbeantwortet.
Ähnlich kurios war die Suche nach den Rechteinhaber bei
Joseph Beuys' Songs "Sonne statt Reagan". Dieser
Song wurde zwar ordentlich aufgenommen und veröffentlicht,
doch konnte keiner der heute noch lebenden Beteiligten sagen,
wer jetzt Lizenzberechtiger ist. Der Kommentar einer der Beteiligten:
"Damals hatte man einfach die Idee zu so einem Projekt,
ist ins Studio gegangen und hat es gemacht! Über Verträge
hat sich keiner Gedanken gemacht." Ganz im Gegenteil
zu dem ebenfalls enthaltenen Song von Brothers Keepers, wo
sich erst Monate lang Manager und Rechtsanwälte über
die Lizenz- und Rechteverteilung stritten, bevor der Song
zustande kam.
Sehr amüsant und beinahe goldgräberstimmungsmäßig
wurde es schließlich bei Wolf Maahns "Tschernobyl".
Dieser Titel war 1986 wochenlang in den Charts, jeder, der
damals schon auf der Welt war, wird sich an ihn erinnern,
doch ist er inzwischen rechtlich durch so viele Hände
gegangen, dass es erst einer komplizierten Vertragsdurchsicht
bedurfte und schlussendlich zu einer Ausnahmevereinbarung
kommen musste. Doch nicht genug. Bald stellte sich heraus,
dass der Titel nicht, wie inzwischen jeder drittklassige Hit
aus den Achtzigern, bisher auf CD erschienen ist. Umständlich
musste erst das Originalband ausfindig gemacht und digital
nachbearbeitet werden, damit dieser Song den auf die CD finden
konnte.
George Lindt
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